Am 30. und 31. Mai 2026 verwandelte sich die Eppendorfer Landstraße auf rund einem Kilometer zwischen Eppendorfer Marktplatz und Eppendorfer Baum wieder in eine Festmeile: mit rund 80.000 Besucher: rund 200 Flohmarktständen, mehreren Bühnen, Kellner:innenrennen und der Vereinsmeile „Eppendorfer Leben“. Veranstalter ist die bergmanngruppe (uba gmbh).
Problem
Ein so großes Straßenfest im öffentlichen Raum bringt eigene Herausforderungen für die soziale Teilhabe mit sich. Menschen mit Behinderung, ältere Menschen, Menschen mit Rollator oder Gehhilfen sowie Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigung sind auf dieser Fläche in besonderem Maß auf verlässliche Orientierung, barrierefreie Wege und klare Ansprechpersonen angewiesen. Konkret zeigen sich dabei folgende Barrieren:
- Orientierungsbarrieren: fehlende oder unklare Orientierung auf der Fläche, etwa für Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigung
- Bewegungs- und Wegebarrieren: nicht barrierefreie Wege, z. B. durch Kabel, Absperrungen, Kopfsteinpflaster oder enge und überfüllte Passagen, relevant vor allem für Menschen mit Behinderung, Rollator oder Gehhilfen
- Fehlende Ansprechpersonen: keine klar erkennbaren, verlässlich erreichbaren Kontaktpersonen bei Fragen oder Problemen vor Ort
Lösungsansatz
Vor der Veranstaltung
Verantwortlich für die inklusivere Durchführung und das barrierefreie Informationsmaterial war Nina Laible als Nachhaltigeitsverantwortliche der bergmanngruppe. Die klare Benennung einer verantwortlichen Person gilt als zentraler Erfolgsfaktor. Sie schafft eine feste Ansprechperson für alle Beteiligten und ist der Grundstein für eine transparente Kommunikationskette.
Nina Laible war damit auch für das Inklusionskonzept zuständig und entwickelte eine Inklusionsmap. Weiter wurde entschieden, dass ein Vor-Ort-Team die Umsetzung der geplanten Maßnahmen gewährleisten sollte. Im Austausch mit dem Inklusionsbeirat und dem Kompetenzzentrum für ein barrierefreies Hamburg entschied man sich auf eine durchgängige Inklusionsbetreuung mit zwei Personen auf der Fläche. Das Team der Inklusionsbetreuung betreute vor Ort die Gewerke Inklusion und Awareness und bildete die Schnittstelle zum Sicherheitsteam und zur Presse.
Alle Mitarbeitenden wurden fortlaufend in internen Meetings über den Prozess informiert. Im Rahmen des Veranstaltungs-Auftakttreffens wurden sie zusätzlich gezielt für ihren eigenen Arbeitseinsatz gebrieft; ergänzend wurde ein entsprechendes Infoblatt per Mail versandt.
Die Information war notwendig, da jeder Fachbereich an der Umsetzung mitwirken musste:
- Kommunikation: Streuung der Informationen
- Infrastruktur und Logistik: Bestellung von Materialien wie Kabelbrücken, barrierefreien Toiletten und Fahnen zur Ausweisung der Toiletten
- Gastronomie: Teilbereich Biergarten mit Service
- Service-Team vor Ort: Verteilung der Bodensticker
- Gastro-Stände: Anbringung der Sticker, die auf die Map hinweisen
Insgesamt musste klar sein, wer informiert werden muss, damit die Maßnahmen sichtbar wurden und umgesetzt werden konnten. Über die Ergebnisse wurden die Mitarbeitenden ebenfalls informiert, zusammengefasst in einem Bericht sowie im wöchentlichen Agentur-Meeting.
Auch die Standbetreibenden wurden zu einem Runden Tisch eingeladen. Ihnen wurde außerdem eine Inklusions-Checkliste mit der Bitte geschickt, sie ausgefüllt zurückzusenden. Die Checkliste umfasste unter anderem:
- barrierefreie Verlegung von Kabeln, Schläuchen und Leitungen (u. a. flache Verlegung ohne Schlaufen, fachgerecht installierte Kabelbrücken, freie Flucht- und Hauptwege, barrierefreie Übergänge oder Rampen an Überquerungen, regelmäßige Sichtkontrollen)
- Erreichbarkeit und Höhen von Ständen (u. a. Greifhöhe 40–120 cm, abgesenkter Thekenbereich bis max. 85 cm, unterfahrbare Tische, niedrigere Sitzmöglichkeiten)
- Verständlichkeit und Lesbarkeit von Speise- und Preiskarten (Leichte Sprache, Piktogramme, Kontrast, Schriftgröße)
Die gesamte Öffentlichkeitsarbeit der bergmanngruppe folgt einer unternehmensweiten „Richtlinie für antidiskriminierende Kommunikation“. Diese enthält auch Aspekte der barrierefreien Kommunikation wie einfache Formulierungen, gut lesbare Schriftgrößen und Kontraste, nachvollziehbare Infos zu Barrierefreiheit. Alle Maßnahmen zur Inklusion wurden auf der barrierefreien Webseite zur Veranstaltung aufgeführt und dem entsprechenden Pressepaket beigefügt.
Während der Veranstaltung
Kernstück war das Inklusionsteam als direkte, mobile Anlaufstelle für Menschen mit Behinderung, sowie die Inklusions-Map, die Maßnahmen auf dem Gelände aufzeigt und verortet. Das Inklusionsteam (2 Personen, pinke Weste) war Samstag 13:00–17:30 Uhr und Sonntag 10:30–17:00 Uhr im Einsatz und dabei durchgängig auch telefonisch erreichbar, Treffpunkt und zentrale Anlaufstelle war ein Inklusionszelt zentral in der Eppendorfer Landstraße. Die Hauptverantwortlichen vor Ort wurden vorab in allen Kommunikationsmitteln benannt.
Die Inklusionsmap war digital verfügbar und informierte vor Ort an allen drei Knotenpunkten der Veranstaltung als Banner platziert. Zusätzlich wiesen 80 Sticker mit QR Code auf Map und Hotline hin. Ausgewiesen waren:
- fünf barrierefreie WC-Standorte, davon drei mit Euroschlüssel-Zugang (das ist ein europaweit einheitlicher Schlüssel für öffentliche Toiletten in Europa, den Menschen mit Behinderung regional beantragen können, z.B. beim Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Hamburg)
- vier ausgewiesene Behinderten-Parkplätze in unmittelbarer Nähe
- barrierefreie Aufzüge der nahen U-Bahnhöfe
- reservierte Rollstuhlplätze direkt vor der Livemusik-Bühne, inklusive Gehörschutz durch die Sicherheitskräfte
- einen bewirteten Gastrobereich mit reservierten Rollstuhlplätzen
- das Inklusionszelt sowie eine ausgeschilderte Umgehungsroute über Nebenstraßen
Rollstuhlplatz-Sticker kennzeichneten zusätzlich reservierte Flächen vor der Bühne und im bewirteten Bereich, wo jeweils eine Bierzeltgarnitur für Unterfahrbarkeit umgestellt wurde.
An den Hauptwegen kamen außerdem elf rollstuhlgerechte Kabelbrücken zum Einsatz, die von einem externen Dienstleister angemietet wurden.
Am Sonntag wurde gemeinsam mit Inklusionsbeirat, Kompetenzzentrum und Bezirksamt Hamburg-Nord eine Begehung der Veranstaltungsfläche durchgeführt, um die Maßnahmen vor Ort auszuwerten und Praxiserfahrungen auszutauschen – zur Qualitätssicherung und Weiterentwicklung.
Nach der Veranstaltung
Alle Maßnahmen, deren Umsetzung und Wirksamkeit wurden im Nachgang ausgewertet. Dabei waren neben der Perspektive des Vor-Ort-Teams auch Rückmeldungen der Besuchenden relevant. In einem ersten Treffen kurz nach der Veranstaltung wurden die Erfahrungen mit Inklusionsbeirat, Kompetenzzentrum, Bezirksamt Hamburg-Nord und AHOI Events besprochen. Im zweiten Treffen ging es gezielt um die Frage, welche Anforderungen an Veranstaltende zu richten sind und welche Verantwortung dabei den Bezirken zukommt. Dafür wurden Maßnahmen verschiedener Veranstaltungen samt den jeweiligen Kosten transparent vorgestellt, um eine tatsächlich umsetzbare Weiterentwicklung zu ermöglichen. Siehe hierzu auch die Infobox.
Herausforderungen
Die Verantwortlichen benennen offen, dass Inklusion bei einem Fest dieser Größenordnung „kein Standardprodukt“, sondern ein gemeinsamer Entwicklungsprozess ist. Genannt werden Größe und Länge der Fläche, kleine Aufbaufenster, hohe Besucher:innenzahlen, unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen sowie standortbedingte und infrastrukturelle Einschränkungen wie Baustellen 2026. Die durchgeführten Maßnahmen sind bei einem kostenlosen Event nicht selbstverständlich, sondern liegen im Ermessensspielraum der Veranstaltenden.
Die Rücksendung der Inklusions-Checkliste war 2026 für die Standbetreibenden noch freiwillig und die Beteiligung gering.
Die Menge der benötigten barrierefreien Kabelbrücken erwies sich als aufwendig, da nicht alle Dienstleister:innen diese in solchen Mengen vorrätig haben.
Vor Ort erschwerten am Sonntagmorgen vermehrt Glasscherben die Durchfahrt für Rollstuhlfahrende. Sie stammten von achtlos entsorgten Glasflaschen, die unabhängig von der Veranstaltung auf die Fläche gelangt waren.
Ein weiterer Punkt: Für viele Beteiligte war das Thema noch neu. Das zeigte sich zum Beispiel beim Aufbau der Stände, wo die Umsetzung des Inklusionskonzepts noch Untersützung brauchte. Hier möchtem die Veranstaltenden weiter ansetzen und noch mehr auf inklusive Maßnahmen hinweisen und unterstützen.
Und schließlich war es 2026 trotz Prüfung noch nicht möglich, Angebote wie beispielsweise Gebärdensprachdolmetschung oder Audiodeskription für das Programm anzubieten. Das lag einerseits an der Infrastruktur, da an den Bühnen keine Screens vorhanden sind, andererseits an den hohen Kosten für die Umsetzung.
Bilanz
Als zentrale Erkenntnis gilt: Inklusion muss von Beginn an mitgedacht werden. Das Konzept hat zur Verbesserung der Veranstaltungsorganisation beigetragen und markierte damit einen wichtigen Schritt in Richtung inklusiverer Veranstaltungen. Es entstand mehr Awareness für das Thema, da bei der Organisation viele Stakeholder eingebunden sind. Auch der Austausch zwischen den Veranstaltenden hat sich vertieft, das hilft, gemeinsam Lösungen zu schaffen.
Die Rückmeldungen sowohl aus dem Publikum als auch aus dem Inklusionsrundgang zeigten, dass die Maßnahmen bei den Menschen, die sie in Anspruch genommen haben, gut angekommen sind. Gleichzeitig wurden einige Verbesserungsmöglichkeiten identifiziert, die in den anschließenden Bezirksversammlungen weiter eruiert wurden.
Ein funktionierendes Konzept braucht intensive Beschäftigung aller Stakeholder mit dem Thema, um achtsam umgesetzt zu werden. Konkret bedeutet das vor allem Information: Standbetreibende sollten wissen, worauf sie bei einem Umbau oder einer Neuanschaffung achten können, welche ergänzenden Maßnahmen auch ohne bauliche Veränderungen möglich sind und an wen sie sich bei Fragen wenden können. Das Interesse und Engagement aller Mitwirkenden ist entscheidend, es kann nicht allein von den Veranstaltenden getragen werden. Der erreichte Stand wird als Ausgangspunkt für Weiterentwicklung verstanden.
Vision
Das Konzept soll weiter ausgearbeitet werden, mit dem Ziel, einen Standard zu schaffen, der zukünftig auf vielen Veranstaltungen übernommen und angewendet werden kann. Dabei könnten Maßnahmen, die zurzeit noch freiwillig sind, wie z.B. die Checkliste zukünftig verpflichtend werden.
Die dabei erarbeiteten Materialien können von anderen Veranstaltende als Blaupause genutzt werden.
Gemeinsam an Barrierefreiheit arbeiten: Der Runde Tisch Awareness & Inklusion
Zusammen mit dem Inklusionsbeirat, dem Kompetenzzentrum für ein barrierefreies Hamburg, dem Bezirksamt Hamburg-Nord sowie den Veranstaltenden der bergmanngruppe und AHOI Events fanden mehrere Runde Tische zum Thema Awareness & Inklusion statt. Ziel war ein Austausch zu offenen Fragen, Anliegen und Praxiserfahrungen.
Im ersten Treffen vor der Veranstaltung wurden Erwartungen und Erfahrungen der Beteiligten zusammengetragen.
Im zweiten Treffen ging es um die Frage, welche Anforderungen an Veranstaltende gerichtet werden können. Dafür wurden Maßnahmen verschiedener Veranstaltungen samt den jeweiligen Kosten transparent vorgestellt, um eine realistisch umsetzbare Weiterentwicklung zu ermöglichen.
Im dritten Treffen am 27.08.2026 stellten bergmanngruppe und AHOI Events aus ihrer Sicht als Veranstaltende dar, welche Maßnahmen bereits Teil ihrer Veranstaltungsplanung sind, etwa Inklusions-Map, Inklusions-Team, barrierefreie Kabelbrücken oder barrierearme Toiletten, und mit welchen Kosten diese verbunden sind. Sie brachten dazu Beispielrechnungen ein, unter anderem zu Positionen wie Sanitätsdienst, Security oder GEMA-Gebühren, sowie den Vorschlag eines Pilotmodells für Hamburg-Nord, das Eppendorf und Winterhude als gemeinsamen Lern- und Entwicklungsraum nutzen könnte.
Im Austausch der drei Treffen wurde diskutiert, wie sich Zuständigkeiten sinnvoll verteilen lassen: Veranstaltende könnten Verantwortung übernehmen für die Planung auf der eigenen Eventfläche, für Information und Orientierung, für Ansprechpersonen und Teams sowie für realistische temporäre Maßnahmen. Als gemeinsame Aufgabe wurden Prioritätensetzung, Begehungen und Evaluationen sowie die Weiterentwicklung von Standards genannt. Themen wie barrierefreie Infrastruktur, Finanzierung und Gebührenentlastung, ein möglicher Materialpool samt Logistik sowie öffentliche Kommunikationskanäle wurden als Ansatzpunkte für eine weitere Abstimmung mit Stadt bzw. Bezirk festgehalten.