Fünf Festivals, ein Caterer und ein gemeinsames Ziel: Im Sommer 2026 stellte der Hamburger Generalcaterer Stereolicious die Gastronomie auf fünf Hamburger Festivals vollständig auf Mehrweg um. Das galt nicht nur für die Getränke, sondern erstmals flächendeckend auch für die Speisen. Stereolicious ist auf die gastronomische Komplettversorgung und Logistik von Großveranstaltungen, Festivals und Kulturevents spezialisiert. Als Generalcaterer übernimmt das Unternehmen die gesamte Abwicklung des Gastronomiebereichs. Dazu gehören die Infrastruktur- und Personalplanung, der Betrieb eigener Catering-Stände sowie die Auswahl und Koordination der externen Food-Anbieter:innen vor Ort. Mit vier der fünf Festivals bestand die Zusammenarbeit bereits in den Vorjahren. Das Elbjazz kam 2026 neu hinzu.
Die fünf Festivals unterschieden sich teils in Größe, Publikum und gastronomischem Angebot.
- Elbjazz Festival: 10. bis 11. Juli 2026, rund 20.000 Besucher:innen
- HABITAT Festival: 18. bis 19. Juli 2026, rund 10.000 Besucher:innen
- Old But Gold Open Air: 25. bis 26. Juli 2026, rund 5.000 Besucher:innen
- AMPLIFIRE Festival: 7. bis 8. August 2026, rund 5.000 Besucher:innen
- MS Dockville Festival: 14. bis 15. August 2026, rund 40.000 Besucher:innen
In diesem Fallbeispiel wird erläutert, wie die Umstellung auf 100 % Mehrweg über fünf unterschiedliche Festivals hinweg gelang, welche Herausforderungen diese mit sich brachte und welche Erkenntnisse sich daraus für andere Veranstalter:innen ableiten lassen.
Problem
Einweggeschirr verursacht auf Festivals große Mengen Abfall. Schalen, Teller und Becher werden oft nur wenige Minuten genutzt und landen danach in der Tonne oder auf dem Boden. Eine wirksame Mülltrennung im Besucher*innenbereich ist bei mehreren tausend Gästen auf einer Fläche
Zwar gilt in Deutschland die Standbetreiber:innen auf Festivals fallen in diese Gruppe. Hinzu kommt, dass ein reines Angebot von Mehrweg in der Regel nicht ausreicht, um ein System auf einer Veranstaltung erfolgreich zu etablieren. Für die fünf Festivals fiel die Entscheidung deshalb auf ein flächendeckendes und verbindliches Mehrwegsystem. Neu und besonders anspruchsvoll war dabei der Schritt zu den Speisen. Bei Getränken ist Mehrweg auf vielen Festivals inzwischen gelernte Praxis, Speisen in Mehrweg sind jedoch noch nicht “gelernt”. Mit der Umstellung von „Mehrweg nur bei Getränken“ auf „Mehrweg bei Speisen und Getränken“ wagte Stereolicious ein großes Vorhaben.
Anders als beim Becher braucht es bei Speisen verschiedene Schalen und Teller, die zu den Gerichten der einzelnen Stände passen. Außerdem müssen alle Food-Anbieter:innen ihre Abläufe umstellen und die Gäste das System verstehen und korrekt anwenden.
Lösungsansatz
Verbindliche Vorgabe, frühzeitige Kommunikation, geregelte Abläufe
Im Vorfeld der Veranstaltungen (circa drei Monate vorher) informierte Stereolicious sämtliche Standbetreiber:innen darüber, dass es auf den Festivals kein Einweg mehr geben und für 2026 ein verpflichtendes Mehrwegsystem für Speisen und Getränke gelten wird – eine verbindliche, klare Vorgabe, die auch den Systemanbieter Tickettoaster als Provider beinhaltete. Ausnahmen gab es lediglich für Produkte und Ausgabeformen, bei denen Mehrweg nicht erforderlich oder nicht praktikabel war. Das betraf etwa Grillspezialitäten wie die Bratwurst im Brötchen oder auf einer Serviette und Süßspeisen wie Crêpes auf einer Serviette. Die frühzeitige Kommunikation erwies sich als wichtige Voraussetzung, damit die Betriebe Abläufe und Bestellungen rechtzeitig planen konnten.
In der Vorbereitung arbeitete Stereolicious eng mit dem Mehrwegdienstleister Sustable zusammen. Die Verantwortlichen beider Unternehmen stimmten sich in regelmäßigen gemeinsamen Meetings ab. Gespült wurde in einer lokalen Spülstraße in Hamburg.
Geschirr und Mengenplanung
Auf allen fünf Festivals kam ein einheitliches Grundsortiment zum Einsatz. Es bestand aus fünf verschiedenen Schalen in vier Größen, einer Tellerart und zwei unterschiedlichen Becher. Als gehobenere Veranstaltung mit einem anderen gastronomischen Angebot und anderem Publikum kamen beim Elbjazz zusätzlich Kaltgetränkebecher in 0,4 und 0,25 Litern zum Einsatz. Für die Weinlounge innerhalb des Festivals standen Weingläser aus Echtglas zur Verfügung.
Grundlage der Mengenplanung waren die im Vorfeld prognostizierte Besucher:innenzahlen. Kalkuliert wurde mit durchschnittlich zwei Mehrwegbehältern pro Gast. Für die fünf Festivals zusammen wurden nach vorläufigen Angaben rund 70.000 Teile eingeplant beziehungsweise bereitgestellt.
Bestellprozess mit den Standbetreiber:innen
Für die Bestellung erhielten alle Standbetreiber:innen ein Übersicht mit dem verfügbaren Geschirr, innerhalb einer Excelliste konnten die jeweiligen Bestellungen eingetragen werden. So ließen sich die Mengen klar planen und Puffer einkalkulieren. Bei jedem Festival galt derselbe Rhythmus:
- Bestellung bis Mittwoch
- Kommissionierung am Donnerstag
- Anlieferung am Freitag
Kreislauf, Rückgabe und Pfand
Der Geschirrkreislauf war bewusst einfach gehalten. Jedes Teil wurde vor Ort einmal genutzt, über Nacht in der Spülstraße gereinigt und am Folgetag erneut eingesetzt. Eine Spülung während des laufenden Betriebs fand nicht statt, stattdessen wurde ausreichend sauberer Bestand vorgehalten. Somit fiel für die Gastronom:nnen eine weitere Arbeitsbelastung, das Spülen vor Ort, weg. Hygienische Vorschriften und infrastrukturelle Hürden können zudem teilweise die Spülung vor Ort nicht abdecken. Zurückgeben konnten die Gäste ihr Geschirr sowohl direkt am Stand als auch an mehreren zentralen Rückgabestationen.
Für Pfand und Kosten galten folgende Eckdaten:
- Pfand für Speisebehälter: 5 €
- Pfand für Getränkebecher: 2 €
- Pfand für Weingläser (nur Elbjazz): 5 €
- Verlustpreise: individuell an den jeweiligen Beschaffungspreis angepasst
Pfand ließ sich per EC-Karte oder bar zahlen und erstatten. Auch bei Kartenzahlung konnte das Pfand bar zurückgegeben werden. Das Kassensystem von Tickettoaster, das im Einsatz war, buchte das Pfand automatisch ein. Die Rückerstattung bei EC-Zahlung lief ebenfalls über Tickettoaster, wofür die Rückbuchung vom Provider freigeschaltet werden muss.
An der zentralen Rückgabestation war zunächst ausschließlich eine bargeldlose Rückgabe vorgesehen. Dafür sprachen vor allem organisatorische und wirtschaftliche Gründe. Bereitstellung, Sicherung, Abrechnung und Transport von Bargeld verursachen bei Veranstaltungen dieser Größenordnung einen erheblichen zusätzlichen Personal- und Logistikaufwand. Das Ziel war, die Abläufe an der Station möglichst einfach und effizient zu halten. Im Verlauf der Festivaldauer wurde die Station dann teilweise zur Hybridlösung umgebaut, an der Pfand per Karte und in bar zurückgegeben werden konnte.
Kontrolle vor Ort
Während der Veranstaltungen prüfte das Team von Stereolicious vor Ort, ob die Standbetreiber:innen die Mehrwegvorgaben einhielten. Bei Abweichungen sollte unmittelbar reagiert werden, die betreffenden Personen eine mündliche Ermahnung erhalten und sofort auf das vorgesehene System umgestellt werden. Über alle fünf Festivals hinweg kam dies nur ein einziges Mal vor.
Herausforderungen
Die Einführung des Mehrwegsystems brachte insbesondere beim ELBJAZZ als einer der ersten Veranstaltungen verschiedene organisatorische und logistische Herausforderungen mit sich. Dank des schnellen und lösungsorientierten Handelns von Stereolicious sowie der engen Zusammenarbeit mit Sustable und dem Kassenanbieter Tickettoaster konnten auftretende Schwierigkeiten jedoch zeitnah aufgegriffen und praktikable Lösungen entwickelt werden.
Bereits im Vorfeld bestanden bei einzelnen Standbetreiber Unsicherheiten hinsichtlich möglicher Mehrkosten, der Auswirkungen auf die Speisepreise und der benötigten Geschirrmengen. Da Erfahrungswerte fehlten, entstand vereinzelt ein erhöhter Nachlieferbedarf. Durch die direkte Abstimmung mit Sustable konnten zusätzliche Mengen jedoch kurzfristig bereitgestellt und die Abläufe entsprechend angepasst werden.
Auch die Pfandrücknahme stellte viele Food-Händler zunächst vor neue Herausforderungen. Besonders zu Stoßzeiten war die parallele Abwicklung von Verkauf und Rücknahme anspruchsvoll. Da nicht alle Stände über geeignete Kartenterminals verfügten und Tickettoaster erst vergleichsweise spät in die Planung eingebunden wurde, erfolgte die Pfanderstattung zunächst überwiegend in bar. Dies führte teilweise zu erhöhtem Wechselgeldbedarf und organisatorischem Mehraufwand. Durch die gemeinsame Abstimmung zwischen Stereolicious, Sustable und Tickettoaster konnten die Abläufe verbessert und wichtige Erkenntnisse für die technische und organisatorische Umsetzung der Folgefestivals gewonnen werden.
Eine weitere Herausforderung war der begrenzte Platz auf den Festivalgeländen. Unterschiedliche Geschirrarten, getrennte Lagerflächen für sauberes und benutztes Geschirr sowie Rückgabestationen mit Kassensystemen erforderten eine durchdachte Logistik. Auch hier konnten die Prozesse durch die enge Zusammenarbeit der Partner kontinuierlich verbessert werden.
Grundsätzliche Kritik von Gästen am Angebot des Mehrweggeschirrs gab es kaum und wenn, bezog sie sich meist auf konkrete Abläufe, etwa wenn Gäste zwischen Food-Stand und Rückgabestation hin- und hergeschickt wurden.
Mit den Erfahrungen beim ELBJAZZ wurde eine gute Grundlage für die erfolgreiche Weiterentwicklung des Mehrwegsystems auf den nachfolgenden vier Festivals gelegt. Die anfänglichen Herausforderungen ermöglichten es allen Beteiligten, Schwachstellen frühzeitig zu erkennen, Kommunikationswege zu verbessern und sich bei weiteren Veranstaltungen deutlich flexibler auf die jeweiligen Gegebenheiten einzustellen.
Offen bleibt bislang die Frage der Kosten. Eine belastbare Aussage zu möglichen Mehrkosten gegenüber den Vorjahren mit Einweggeschirr ist derzeit noch nicht möglich. Dafür fehlen insbesondere die abschließenden Daten der Veranstaltenden zu den Entsorgungs- und Müllkosten. Erst wenn diese sowie sämtliche Kosten des Mehrwegsystems vorliegen, lässt sich ein seriöser Gesamtvergleich ziehen. Das gilt auch für Kosten, die durch die genannten Herausforderungen entstanden, etwa durch Nachlieferungen oder zusätzliche Kassen.
Bilanz
Auf den fünf Festivals war, abgesehen von den definierten Ausnahmen, kein Einweggeschirr mehr im Einsatz. Die Flächen waren spürbar sauberer. Nach einer vorläufigen Einschätzung von Stereolicious könnte sich das Abfallaufkommen gegenüber dem bisherigen Einwegsystem um etwa 20 bis 30 Prozent verringert haben. Diese Größenordnung ist allerdings noch nicht durch abschließende Entsorgungsdaten bestätigt.
Die Verlustrate lag nach bisherigen Angaben grundsätzlich unter 10 Prozent. Verlorene Behälter landeten meist in der Tonne, oft aus Unwissenheit oder Gleichgültigkeit. Das Pfand von 5 Euro für Speisebehälter erwies sich dabei als guter Anreiz für die Rückgabe. Das jeweilige Lager auf den Flächen war durchgehend ausreichend bestückt, Engpässe beim Geschirr gab es nicht. Die Besucher:innen nahmen die Umstellung überwiegend begeistert auf.
Positiv hervorzuheben ist auch, wie gut die Verbindlichkeit funktioniert hat. Bei fünf Festivals musste das Team nur ein einziges Mal korrigierend eingreifen. Die Erfahrung zeigt, dass eine klare Vorgabe, früh kommuniziert und vor Ort kontrolliert, von den Standbetreiber:innen weitgehend angenommen wird.
Aus der Pilotsaison 2026 ergeben sich mehrere Lernpunkte:
- Die EC-Zahlung gilt insgesamt als praktikablere Variante für Pfand und Rückerstattung. Damit sie funktioniert, muss das Kassensystem frühzeitig eingebunden und die Ausstattung der Stände mit EC-Terminals geklärt werden.
- Die zentrale Rückgabestation sollte die erste Wahl sein und offensiv kommuniziert werden. Die Rückgabe bei den Händler:innen kann weiterhin möglich bleiben, entlastet die Stände zu Stoßzeiten aber nicht.
- Für den Aufbau hat sich eine 5×5-Pagode bewährt, hinter der ausreichend Platz für dreckiges Geschirr bleibt. Sauberes und dreckiges Geschirr sollten konsequent getrennt gelagert werden.
- Die Kommunikation an die Gäste ist ein entscheidender Hebel. Das AMPLIFIRE zeigte, dass schon ein einzelnes vorheriges Posting die Umstellung spürbar erleichtert.
Trotz umfassender Planung bleibt Flexibilität gefragt. Eine Notfallbarkasse und die Nachrüstung der Rückgabestation auf eine Hybridlösung bei zwei Festivals belegen, dass sich manche Abläufe erst im laufenden Betrieb bewähren müssen. Dann gilt es, spontan nachzusteuern.
Vision
Für künftige Festivals soll die Kommunikation mit den Gästen deutlich früher geplant werden. Denkbar ist etwa, das Mehrwegsystem gezielt im FAQ- und Infobereich der Festival-Websites zu erklären, inklusive der zentralen Rückgabestation als bevorzugtem Rückgabeort. Auch Social Media-Beiträge sollten eine größere Rolle spielen. Sustable plant, bereits im Winter 2026 Kommunikationsmaterial auszuarbeiten, das dann von den Veranstaltenden verwendet werden kann.
Ob Stereolicious das Mehrwegsystem 2027 in gleicher oder weiterentwickelter Form erneut einsetzt, ist derzeit noch offen. Entscheidend sind neben den ökologischen Vorteilen eine transparente Betrachtung der tatsächlichen Gesamtkosten und der organisatorische Aufwand. Sobald die abschließende Auswertung vorliegt, soll geprüft werden, welche Anpassungen sinnvoll sind und ob sich das Konzept auf weitere Festivals übertragen lässt. Die Umsetzung 2026 bildet dafür aus Sicht von Stereolicious eine gute Grundlage.
Hinweis: Die Angaben zu Geschirrmenge, Verlustrate und Abfallreduzierung sind vorläufig. Eine abschließende wirtschaftliche Bewertung steht noch aus.
Netzwerk Green Events leitet in dem internationalen Projekt Change(K)now! die Arbeitsgruppe Veranstaltungen.
Das Projekt Change(K)now! wird von Interreg Baltic Sea Region kofinanziert. Das Hauptziel des Projekts ist es, die Darreichung und den Außer-Haus-Verkauf von Lebensmitteln kreislauffähig zu gestalten und so einen Verhaltenswandel von Einweg- zu Mehrweglösungen in den Städten und unter den Bewohner:innen des Ostseeraums zu initiieren.