Symbol für Standort Binnenalster (Bezirk Hamburg-Mitte)
Symbol für Kalender an einem Wochenende im Juli/August
Symbol für Partnerschaft über 300.000

CSD Straßenfest 2024/25/26: Barrierefreiheit

Die Hamburg Pride Week findet jedes Jahr eine Woche lang im Juli bzw. August statt. Höhepunkt der Pride Week ist der Christopher Street Day (CSD) am Samstag. An dieser großen Demonstration nahmen 2022 in Hamburg mehr als 300.000 Menschen teil. Ein weiterer fester Bestandteil der Hamburg Pride Week ist das CSD-Straßenfest mit mehr als 250.000 Besuchenden statt. Das Fest rund um die Binnenalster findet über das ganze Wochenende statt und bietet neben Gastronomie-, Verkaufs- und Infoständen viel Musik auf verschiedenen Bühnen. Besonders abends verwandelt sich der Jungfernstieg und Ballindamm in eine riesige Tanzfläche. 

Problem

Der CSD und damit auch das Straßenfest im Rahmen von Hamburg Pride versteht sich per Definition als inklusive Veranstaltung, die Vielfalt sichtbar macht und Teilhabe ermöglicht. In der praktischen Umsetzung wurden Aspekte der Zugänglichkeit und Barrierefreiheit jedoch lange Zeit nicht umfassend systematisch berücksichtigt, Bedarfe wurden vereinzelt und punktuell aus der Community zurückgemeldet.

Typische Barrieren auf dem Veranstaltungsgelände waren u. a.:

  • auf dem Boden liegende Kabel und unzureichend gesicherte Übergänge
  • Kopfsteinpflaster, Bordsteinkanten und unebene Bodenbeläge
  • fehlende oder unzureichend rollstuhlgerechte Sanitäranlagen
  • eingeschränkte Sichtachsen auf Bühnen und Programmpunkte
  • fehlende oder begrenzte barrierearme Programmzugänge für blinde, sehbehinderte oder hörbehinderte Menschen

CSD Straßenfest
Foto: AHOI Events

Lösungsansatz

Durch die organisatorische Weiterentwicklung von Hamburg Pride und den Green Events Siegel Prozess 2024 konnte der Schwerpunkt “Barrierefreiheit”  stärker aufgegriffen werden, nach 2024 wurde zur Vorbereitung auf 2025 zudem eine neue Stelle bei Hamburg Pride eingerichtet, um die Weiterentwicklung auch verstetigen zu können.

Grundsätzlich wurde erkannt, dass eine Großveranstaltung im öffentlichen Raum wie der CSD nicht in einem einzelnen Schritt vollständig barrierefrei umgesetzt werden kann. Stattdessen verfolgt das CSD Straßenfest  einen kontinuierlichen Verbesserungsansatz. Jährlich werden die bestehenden Maßnahmen aus der Praxis vor Ort auf ihre Praktikabilität und Wirksamkeit überprüft, durch Feedback weiterentwickelt und um neue Lösungen ergänzt.

Rollstuhlgerechte Infrastruktur

  • Seit 2024 wurden von AHOI Events mehr als zehn rollstuhlgerechte Kabelbrücken angeschafft und eingesetzt
  • Sie ermöglichen die rollstuhlgerechte Nutzung der Hauptwege
  • Die Maßnahme verbessert gleichzeitig Sicherheit und Zugänglichkeit für alle Besucher:innen

Rollstuhlplattform („Rolli-Deck“)

  • Seit 2024 Einsatz einer erhöhten, barrierearmen Plattform, mit der die Höhe der eigentlichen Veranstaltungsfläche erreicht wird
  • Kapazität: flexibel nutzbar, in der Praxis meist von wenigen, theoretisch für mehrere Rollstuhlnutzer:innen ausgelegt
  • Standort: in Nähe des FOH (Technikbereich vor der Bühne), also zentral gegenüber der Hauptbühne und mit Bedacht nicht im Gedränge der ersten Reihe
  • Ausstattung: rutschfester Untergrund, klare Sichtachsen, Sichtbarmachung durch Banner
  • Betreuung durch Personal zur Sicherstellung von Zugang und Nutzung
  • Ziel: selbstbestimmtes Kommen und Gehen ohne Durchquerung großer Menschenmengen

Gebärdensprache und barrierefreie Kommunikation

  • Seit 2024 Gebärdensprachdolmetschung für zentrale Programmpunkte (1. Tag)
  • Eingesetzt auf Hauptbühne: zur Eröffnung, bei politischen Redebeiträgen (z. B. LSVD, Polizei, Initiativen zu Gesundheits- und Sensibilisierungsthemen)

Audiodeskription und Radioangebote

  • Seit 2025 ergänzend: Audioübertragung der Demonstration für blinde und sehbehinderte Menschen
  • Gemeinsamer Hörraum an zentralem Ort im Umfeld der Route (Foyer Hotel Novo)
  • Kontinuierliche Weiterentwicklung des Formats für 2026 geplant

Inklusionstruck

  • Es gibt die Möglichkeit zur Teilnahme an einem inklusiven Wagen innerhalb der Demonstration
  • Anmeldung über Hamburg Pride

Rückzugs- und Schutzräume

  • Einrichtung eines Family- bzw. Ruhebereichs, am Rande des Veranstaltungsgeländes
  • Gestaltung als abgeschirmter Raum mit Bauzäunen, Bannern und klarer Struktur
  • Ausstattung: Sitzmöglichkeiten, Spielangebote, Wickelmöglichkeit
  • Ziel: Rückzug aus dem dichten Veranstaltungsgeschehen

Sanitär- und Infrastrukturmaßnahmen

  • Wassergespültes Unisex-Toilettenkonzept (gleichberechtigte Nutzung unabhängig von Geschlecht)
  • 2025 ergänzt durch barrierearme Chemie-Einzeltoiletten in Bühnennähe (Rathausmarkt)

Kommunikation

Die barrierebezogenen Maßnahmen wurden über mehrere Kanäle kommuniziert:

  • Website von Hamburg Pride und CSD
  • gedrucktes Magazin und Flyer (inkl. Lageplan, Programm, Code of Conduct)
  • Social Media zur Sensibilisierung und Sichtbarkeit
  • Icons und visuelle Hinweise auf Printmaterialien
  • direkte Kommunikation an Standbetreibende und Gastronomie
  • die kontinuierliche Zusammenarbeit mit einer Sicherheitsfirma bringt mit sich, dass die Mitarbeitenden gut mit den spezifischen Anforderungen der Veranstaltung vertraut sind

Die Kommunikation wurde bewusst niederschwellig gehalten und mit Sensibilisierungsarbeit (z. B. Achtsamkeit im Umgang miteinander) verbunden.

Kommunikation
Die Maßnahmen werden über verschiedene Kanäle veröffentlicht.
Gebärdensprachdolmetschung
Die Abkürzung DGS für Deutsche Gebärdensprache markiert die Angebote.

Herausforderungen

Eine der Herausforderungen ist der Perspektivwechsel: Barrieren werden häufig von nicht betroffenen Personen identifiziert. Reale Bedarfe können teilweise schwer vollständig erfasst werden, entsprechende Maßnahmen müssen zusätzlich nach tatsächlichem Impact für unterschiedliche Zielgruppen (körperlich, sensorisch, kognitiv) bewertet werden.

Wünschenswert wäre zudem eine erweiterte barrierefreie Planung des öffentlichen Raums. Bauliche Gegebenheiten wie Kopfsteinpflaster, Bordsteine und Stufen sind nicht immer kurzfristig veränderbar.

Die Anzahl der Kabelbrücken könnte noch erhöht werden, um weitere Wege barrierefrei zu gestalten.

Das Leitsystem vor Ort könnte weiter ausgebaut werden. Da sich die Flächengestaltung aufgrund inhaltlicher Anpassungen von Jahr zu Jahr leicht verändert, sind sowohl die entstehenden Kosten als auch Aspekte der Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. Ein Leitsystem mit Pfeilschildern hat sich in der Vergangenheit nicht bewährt, da es wiederholt zu Materialverlusten und Zweckentfremdungen kam, beispielsweise durch das Verändern oder Mitnehmen der Schilder.

 

Bilanz

Seit 2024 wurden die Barrierefreiheitsmaßnahmen deutlich weiterentwickelt. Inklusion wurde gut in Planung und Kommunikation integriert und die Sensibilisierung innerhalb der Organisation und bei Dienstleistenden wurde verbessert.

Die Sichtbarkeit und Nutzung zentraler inklusiver Angebote ( Rolli-Deck, Gebärdensprache, Awareness-Strukturen) erhöht sich von Jahr zu Jahr. Offen bleibt die systematische Erhebung der tatsächlichen Nutzung einzelner Angebote sowie die kontinuierliche Rückmeldung der Community zur weiteren Optimierung.

Die Anschaffung rollstuhlgerechter Kabelbrücken hat sich vollständig amortisiert. Die Kabelbrücken wurden zudem bereits von anderen Veranstaltenden gemietet.

Das Angebot der barrierearmen Sanitäranlage wurde noch gering genutzt. Die Frage ist: Wie kann die Kommunikation vor Ort noch klarer und niedrigschwelliger gestaltet werden, damit Angebote besser gefunden und verstanden werden?

 

Vision

Das CSD Straßenfest möchte langfristig als Standardsetzer für inklusive Großveranstaltungen wirken. Es wird angestrebt, Inklusion beim CSD noch stärker strukturell zu verankern und weiter auszubauen. An Ideen dazu mangelt es nicht:

  • Weiterentwicklung audiodeskriptiver und sprachlicher Unterstützungsangebote, Getränkekarten mit Braille-Schrift
  • Prüfung mobiler taktiler Leitsysteme für blinde Menschen (fachlich und sicherheitstechnisch anspruchsvoll im Outdoor-Kontext)
  • mögliche Ausgabe von Hörunterstützungssystemen
  • stärkere Mehrsprachigkeit der Veranstaltung
  • Ausbau barrierearmer Kommunikationsformen für unterschiedliche Bedürfnisse

Gleichzeitig wird anerkannt, dass nicht alle Maßnahmen kurzfristig organisatorisch, technisch oder finanziell umsetzbar sind, sondern schrittweise entwickelt werden müssen.

Deutlich wird, dass an verschiedenen Stellen ein gemeinschaftlich genutztes Materiallager wünschenswert wäre, beispielsweise für Kabelbrücken oder Leitsystem-Materialien, um die Kosten für Veranstaltende geringer zu halten.

Hinweis

Ein Update zu den umgesetzen Maßnahmen 2026 findest du bald hier an dieser Stelle.

Maßnahmen in diesem Fallbeispiel: