Lese weiter unten, wie sich das Nachhaltigkeitsleitbild der altonale in den letzten Jahren bis 2026 weiterentwickelt und gefestigt hat, was sich unter anderem auch in der Anwärterschaft auf das Green Events Siegel zeigt, welches im Jahr 2024 erstmals vergeben wurde und bei dessen Vergabe die altonale die “Basis“-Auszeichnung erlangte.
Die altonale ist ein umfangreiches Kunst- und Kulturfestival. Bis vor wenigen Jahren dauerte das Festival über 17 Tage und drei Wochenenden im Sommer und bot weit über 300 Veranstaltungen aus den Bereichen Musik, Film, Theater, Kunst, Tanz, Jugend und Literatur an verschiedenen Orten in den Hamburger Stadtteilen Altona und Ottensen an. Durch Konsolidierungen und Sparmaßnahmen wurde die Festivaldauer seit 2025 auf zehn Tage und 150 Veranstaltungen verkürzt, wodurch jährlich 150.000 Besucher:innen damit erreicht werden konnten. Dieses Fallbeispiel stellt die Bestrebungen der altonale vor, Nachhaltigkeit strukturell als Leitbild zu verankern und thematisiert auch die Aktualisierungen nach 2022 bis ins Jahr 2026.
Problematik
Ein wichtiger erster Schritt, um einer nachhaltigen Veranstaltung den Weg zu ebnen, ist eine:n Nachhaltigkeitsbeauftragte:n aufzustellen. Um wirksam zu handeln, sollte eine gemeinsame Vision in das gesamte Team getragen werden, das die Veranstaltung letztendlich plant und umsetzt. Bei der altonale sind dies jedes Jahr über 100 Menschen – von einem kleinen Festangestellten-Team über mehrere Projektleitungen zu vielen ehrenamtlichen Helfer:innen.
Lösungsansatz
Damit alle Beteiligten ein einheitliches Verständnis zur zukunftsfähigen Ausrichtung der altonale erlangen, möchte die altonale Nachhaltigkeit strukturell als Leitbild verankern. Sowohl das gesamte Festivalteam – also Festangestellte, Honorarkräfte, Produktionsteam und Freiwillige – als auch das Publikum und externe Partner:innen sollen für nachhaltiges Handeln sensibilisiert werden. Mithilfe von Umfragen und Präsentationen der Nachhaltigkeitsbeauftragten wird zunächst das Kernteam aus festen und freien Mitarbeiter:innen der altonale aktiviert. In drei Workshops mit jeweils sechs bis acht Teilnehmenden wird dann das Leitbild und erste Maßnahmen erarbeitet.
Der erste Workshop lädt wichtige strategische Stakeholder:innen der altonale ein: von der Geschäftsführung über die künstlerische Leitung bis zu Projektleiter:innen und Freiwilligenkoordination. In Vorträgen wird ein gemeinsames Verständnis von Nachhaltigkeit bei Veranstaltungen erarbeitet. Mithilfe der SWOT-Analyse werden Stärken (Strengths), Schwächen (Weaknesses), Chancen (Opportunities) und Risiken (Threats) bewertet und vor allem die internen Faktoren erarbeitet, die den Erfolg der Nachhaltigkeitsstrategie beeinflussen können.
Ein zweiter Workshop konzentriert sich unter der Teilnahme wichtiger strategischer Stakeholder:innen wie der Leitung, Kommunikations- und Fundraising-Verantwortlichen im Besonderen auf die externen Faktoren.
Im dritten Workshop kommen vor allem Mitarbeitende der Produktion und Projektleitungen zusammen. Sie befassen sich mit einem Maßnahmenplan und formulieren kurz- und langfristige Ziele in zwei Schwerpunktbereichen: Interne und externe Kommunikation sowie CO2-Reduktion in der Produktion des Festivals.
Herausforderungen
Eine Herausforderung ist, das gesamte Team immer wieder zu informieren, zu inspirieren und zu begeistern, dabei jedoch nicht ihre Kapazitäten zu übersteigen. Dafür gilt, auf sensible Weise zu kommunizieren, dass nachhaltiges Handeln auf allen Ebenen der Festivalgestaltung alternativlos ist, aber gleichzeitig keine Konkurrenz zum kulturellen Inhalt der altonale darstellt.
Hierfür braucht es Ressourcen, die aus der Finanzierung der altonale heraus nicht gestemmt werden können. Die Schnittstelle für Nachhaltige Entwicklung ist demnach von Förderung abhängig.
Bilanz
Die Entwicklung eines Leitbildes ist auf unheimlich große Resonanz gestoßen. Die vielen Ideen, die im Nachgang der Workshops entstanden sind, zeigen, dass das Thema Nachhaltigkeit von allen verinnerlicht und zukünftig bei allen Entscheidungen einbezogen wird. Erarbeitet wurden viele konkrete Maßnahmen:
- Die Grundwerte-Erklärung wird aktualisiert
- Der 14-tägig stattfindende Jour Fix ist die zentrale Planungsstelle für Nachhaltigkeit
- Die Nachhaltigkeitsbeauftragte ist in allen relevanten Gremien stimmberechtigt
- Ein Organigramm verdeutlicht allen Beteiligten die Kommunikationswege
- Es wird ein altonale-gerechtes Nachhaltigkeits-Wording entwickelt, altonale visionair ist der neue Name für Nachhaltige Entwicklung, alle Bestrebungen werden künftig unterteilt in Soziale, Künstlerische, Ökologische und Ökonomische Nachhaltigkeit
- altonale visionair bekommt eigene Slots bei Jahres- und Teamversammlungen
- es werden verpflichtende Leitfäden für Kultursparten, Ausstellende und Veranstaltungsorte entwickelt
- der Styleguide nimmt verpflichtende Kriterien für Kommunikationsmittel auf
- es gibt ein Kick-Off mit dem Team Fundraising zur Entwicklung langfristiger Ziele
- alle Entwicklungen von altonale visionair werden zukünftig mit externen Partnerschaften kommuniziert
- ein Kick-Off-Termin mit den Freiwilligen (circa 60 Personen) im Vorfeld des Festivals und ausgehändigte Informationsmaterialien bindet diejenigen ein, die vor Ort den maximalen Kontakt mit dem Publikum haben
- Werbematerialien werden minimiert
- bei Web-Hosting wird auf einen nachhaltigken Anbieter gewechselt
- Die Produktion stellt, wo möglich, auf Radlogisitik um
- Wo möglich, wird auf LED umgestellt, Zeitschaltuhren optimieren den Lichteinsatz
- Die Eröffnung bietet ein rein vegetarisches Speisenangebot
- Kommunikationskampagnen informieren das Publikum zu den Themen Umweltverschmutzung durch Zigarettenstummel, Mobilität, Wasserreduktion und altonale visionair
- Alte Banner werden recycelt und durch den Kooperationspartner Nutzmüll e.V. zu neuer Mitarbeiter-Kleidung umgenäht
Vision
Die Vision der altonale ist, die Veranstaltung noch mehr als Kreislauf zu organisieren. Dafür möchte sie weitestgehend selbstbestimmt werden, zum Beispiel weniger Dienstleistungen extern einkaufen, um Nachhaltigkeit noch umfangreicher umsetzen zu können. Eine Idee ist, dafür die Anwohnenden stärker einzubeziehen, um mit ihnen gemeinschaftlich viele Dinge selber auf die Beine zu stellen.
Entwicklung des Nachhaltigkeitsleitbildes der altonale bis 2026
Obwohl das Kulturfestival seit 2025 und vermehrt seit 2026 unter großen finanziellen Herausforderungen stand, konnte durch die wichtige Vorarbeit der Nachhaltigkeitsbeauftragten das Nachhaltigkeitsleitbild weiter gefestigt werden.
Im Jahre 2024 war die altonale als eine der ersten Veranstaltungen in Hamburg Anwärterin auf das Green Events Siegel und wurde mit dem „Basis“-Siegel ausgezeichnet. Das aufwändige Verfahren wurde vor allem mit Hilfe einer Bundesfreiwilligen umgesetzt, die Nachhaltigkeitsmanagement studierte und somit schon Erfahrung in diesem Bereich mitbrachte. Die schon damals vorhandene Personalproblematik durch fehlende Finanzierung konnte durch diese Person noch einmal abgefedert werden. Durch diese sehr ernsten Bestrebungen im Rahmen der Siegel-Anwärterschaft und den vorangegangenen Maßnahmen verselbstständigte sich das Thema Nachhaltigkeit in den Köpfen und Handlungen, der einzelnen Kurator:innen und dem Team der altonale und die Dringlichkeit in der allgemeinen Lebenslage schlug sich somit auch im beruflichen Handeln aller Beteiligten nieder.
So gab es beispielsweise bei den offiziellen Festivaleröffnungen für geladene Gäste nicht mehr nur vegetarische, sondern reine vegane Gerichte als auch vegane Angebote im Gastrobereich innerhalb des Festivalzentrums. Auch das Projekt „Kulturfutter“ konnte nach einer Pause erneut stattfinden, sodass beim gemeinsamen Kochen gegen die Lebensmittelverschwendung angegangen wurde.
Bei der sozialen Nachhaltigkeit zeigte sich eine besonders große Veränderung. Mit neuen Verantwortlichen und der Unterstützung durch eine finanzielle Förderung liegt inzwischen ein großer Schwerpunkt auf dem diversitätssensiblen Booking. Die Musikkuratorin trifft eine gezielte Auswahl und Buchung von Künstler:innen, um gesellschaftliche Vielfalt abzubilden und Benachteiligungen abzubauen.
Eine große Neuerung, die mit intensiver Vorarbeit umgesetzt wurde, ist seit 2025 das Awareness-Team, welches innerhalb des Festivalzeitraums zur Verfügung steht. Ausgebildete Profis und Ehrenamtliche, die in Workshops geschult wurden, waren auf dem Festival sicht- und ansprechbar, ein Rückzugsort bot Schutz, Ruhe und Zugang zu Unterstützungsangeboten. Trotz der sehr schwierigen finanziellen Lage wurde sich bewusst dafür entschieden, in diese Maßnahmen und die Durchführung zu investieren. Auch wenn es kaum Einsätze geben musste, führte die Präsenz der Personen als auch der Plakate sowie QR-Codes vor allem dazu, dass viele Besucher:innen überhaupt erst von der Existenz und auch Notwendigkeit der Awareness-Arbeit erfuhren, wodurch wichtige Aspekte des Nachhaltigkeitsleitbildes kommuniziert werden konnten: „Wir achten auf euch und wir achten aufeinander.“
Dieses gewünschte als auch gelebte Verhalten schlug sich auch in einer wichtigen Botschaft nieder, die 2026 in der Außenkommunikation aufgrund einer großen Crowdfunding-Kampagne zu lesen war: „Zusammenhalt braucht kulturelle Vielfalt.“ Fest verankert im Verständnis des Festivals ist es, dass diese Vielfalt als Stärke zu verstehen und dringend beizubehalten ist.
Das Nachhaltigkeitsleitbild, welches vor über vier Jahren erarbeitet wurde, ist längst in konkrete Maßnahmen und vor allem ins allgemeine Denken und Handeln des Teams übergegangen, auch wenn alle vor großen finanziellen und kapazitären Herausforderungen stehen.
Dies ist auch bei den Sponsor:innen des Kulturfestivals angekommen, die somit ihre finanzielle Unterstützung teils daran knüpfen, dass ihre Einbindung auf nachhaltige Aspekte aufmerksam machen soll. So wurde in den vergangenen zwei Jahren auf künstlerische Art und Weise auf ökologische Folgen aufmerksam gemacht, etwa indem eine schwebende Rauminstallation auf die Verschmutzung der Meere aufmerksam machte, ausgestellt in den öffentlich zugänglichen und stark frequentierten Räumlichkeiten eines Sponsors, dem Mercado in Ottensen, begleitet von Infotafeln.
Mit diesen Veränderungen und stetigen Verbesserungen im Sinne der Nachhaltigkeit auf der sozialen, ökonomischen und ökologischen Ebene hat sich das Nachhaltigkeitsleitbild sowie die Vision dafür verfestigt und hebt insbesondere im Sinne der sozialen Haltung hervor, dass offene, niedrigschwellige Orte für menschliche Vielfalt erhalten bleiben müssen, gepaart mit Anstrengungen und Maßnahmen für eine ressourcenschonende Festivalplanung und Durchführung.


